April 2024 - NÖN Interview mit Peter Herzog

Peter Herzog als Experte für für Burschen- und Männerberatung, Gewaltberatung, Paar- und Trennungsberatung im Interview . Den gesamten Beitrag der NÖN finden Sie unter NÖN.at .

Portrait von Peter Herzog

Wenn Wut nur die Oberfläche ist

Peter Herzog, Männer- und Gewaltberater aus Gmünd, erklärt, warum hinter aggressivem Verhalten meist tiefere Verletzungen stecken und warum die Antwort darauf eine zutiefst menschliche ist.

Was auf den ersten Blick wie Wut aussieht, ist in Wirklichkeit oft etwas anderes: Angst, Verzweiflung, Enttäuschung oder tief sitzende Kränkungen. Das ist die Überzeugung von Peter Herzog, der in Gmünd eine Praxis für Männer- und Gewaltberatung führt. Der Begriff „Wutbürger“ greife daher zu kurz, sagt er. Menschen, die sich ohnmächtig oder bedroht fühlen, greifen auf Wut zurück, weil sie handlungsfähig bleiben wollen – doch die eigentliche Ursache liegt tiefer. Herzog betont, dass es keine guten oder schlechten Gefühle gibt, sondern nur solche, die wir als stärkend oder schwächend erleben. Die entscheidende Frage sei, ob jemand gelernt hat, mit diesen Gefühlen konstruktiv und gewaltfrei umzugehen – oder ob er sie durch Abspaltung und Verrohung zu unterdrücken versucht.

„Hass ist das einzige Gefühl, an dem ich noch nichts Positives gefunden habe. Hass ist ausschließlich destruktiv.“

Eine besondere Rolle spielt dabei die patriarchale Sozialisation: Männer lernen häufig, Schwäche zu verbergen und Probleme durch Dominanz zu lösen, statt sie zu reflektieren. Dieses Muster verstärkt sich durch soziale Medien, die laut Herzog eine schleichende Entmenschlichung begünstigen. Die Anonymität des Internets macht es leicht, andere abzuwerten und zu beschimpfen – und was online zur Normalität wird, färbt zunehmend auch auf den Alltag ab, selbst bei Kindern und Jugendlichen. Aus vermeintlichen Diskussionen werden bloße Druckventile, aus Überzeugungen werden als Wissen verkleidete Glaubenssätze.

Besonders besorgniserregend findet Herzog die Entwicklung rund um Deepfakes und pornografische Inhalte. Eine ganze Industrie lebe von Machtfantasien und der patriarchalen Vorstellung, Frauen seien Besitz. Wenn Männer andere Männer online dazu aufrufen, Frauen zu demütigen, sei das kein Randphänomen mehr, sondern ein klarer Aufruf zur Gewalt. Herzog appelliert: „Diskriminierung von Frauen hat wirklich nichts mit Männlichkeit zu tun . und Vergewaltigung ist nicht Sexualität, sondern Gewalt: Nur Ja heißt Ja.“

„Die größte Herausforderung unserer Zeit ist nicht nur politisch oder technologisch – sondern zutiefst menschlich.“

Wer in Verbitterung und Hass abzugleiten droht, zeigt laut Herzog meist eine lange Vorgeschichte aus Kränkungen und Enttäuschungen, die sich über Jahre aufgeschichtet haben. Beschämung und Kränkung begleiten Menschen wie unsichtbare Narben – und genau deshalb sei es so wichtig, bereits bei Kindern anzusetzen. Wer früh lernt, empathisch, verantwortungsvoll und kritisch zu denken, entwickelt das Werkzeug, das später den Unterschied macht. Achtsamkeit, Verlässlichkeit, Konsequenz und Respekt vor dem Leben – das seien die Grundlagen eines friedlichen Miteinanders. Wo sie fehlen, werde Extremismus zur Normalität.

Herzogs Botschaft ist klar: Die Antworten auf Verrohung, Hass und Gewalt liegen nicht allein in politischen Maßnahmen oder technologischen Lösungen. Sie beginnen im Zwischenmenschlichen – in der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir Kinder begleiten und wie wir mit unseren eigenen, oft verborgenen Verletzungen umgehen.